Der "war ein interessanter Artikel" Thread

    • Cloud wrote:

      Der_Busfahrer. wrote:

      Der gleiche Staat hat dir aber auch eine nahezu kostenlose Bildung ermöglicht, dank derer du auch in der Schweiz einen guten Job finden wirst :whistling:
      Wenn der Algorithmus wieder 3 Tage zu spät hittet:nzz.ch/meinung/deutschlands-do…Yoehr-BSWIx2_Q6UDnRZwgEF8
      Ich sage schon seit Jahren, dass die Löhne im Gesundheitswesen (Pflege _und_ Ärzte) zu niedrig sind.
      Wer hätte ahnen können, dass eine Kombination von kaputtem Gesundheitssystem, niedrigen Löhnen und immer schlechter werdenden Arbeitsbedingungen zur Abwanderung führt.....

      Edit: um das nicht nur so stehen zu lassen:
      Ein Kollege von mir (halbdeutsch/Ungar) ist als Facharzt in vom Deutschland nach Ungarn gewechselt, weil er Netto bei gleicher Position hier mehr verdient bei geringeren Lebenskosten.
      Vgl dazu diese Tabelle bezüglich der pro-Kopf Kosten im Gesundheitssystem.
      Bin schon der Meinung, dass etwas ganz falsch läuft in Deutschland.
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    • l0sth0pe wrote:

      Cloud wrote:

      Der_Busfahrer. wrote:

      Der gleiche Staat hat dir aber auch eine nahezu kostenlose Bildung ermöglicht, dank derer du auch in der Schweiz einen guten Job finden wirst :whistling:
      Wenn der Algorithmus wieder 3 Tage zu spät hittet:nzz.ch/meinung/deutschlands-do…Yoehr-BSWIx2_Q6UDnRZwgEF8
      Ich sage schon seit Jahren, dass die Löhne [sind] im Gesundheitswesen (Pflege _und_ Ärzte) zu niedrig sind.


      Heribert Dieter wrote:

      Mittel- und langfristig steuert Deutschland auf eine strukturelle Krise in der Wirtschafts- und Sozialpolitik zu.
      Falsch: Diese strukturelle Krise ist bereits Gegenwart und nicht Zukunft.

      Leistungsträger verlassen das Land und schwächen die wirtschaftlichen Perspektiven. Den gleichen Effekt hat die Zuwanderung von Geringqualifizierten.
      Letzteres stimmt natürlich nicht, ggf. trifft sogar das Gegenteil zu (z. B. bei sinnvoller Integration und Ausbildung)

      Um diese problematische Entwicklung zu ändern, müsste die deutsche Politik dafür sorgen, dass die Steuer- und Abgabenlast sinkt und zugleich die Gehälter von Hochqualifizierten so stark steigen, dass sie im internationalen Vergleich wettbewerbsfähig werden.
      Obligatorisches Deregulierungsargument, im Kontext mit dem Eingangsproblem der zu geringen Arztgehälter natürlich besonders absurd.

      In der heutigen politischen Atmosphäre, die von einer übergrossen Koalition von Umverteilungsbefürwortern im Bundestag geprägt ist, ist diese Forderung nach mehr Ungleichheit und weniger Sozialleistungen indes utopisch.
      Welche übergrosse Koalition?

      Es fehlt an Einsicht, welche Folgen es für Deutschland hat, dass es seine eigenen Talente nicht mehr im Land halten kann.
      puh - reicht mir dann auch wieder n paar Tage
      FREE Hat
    • Deutschland hat nach Belgien die zweitgrößte Abgabenlast auf der Welt. Das was man zurück bekommt ist Dreck.

      Ich werde auswandern mittelfristig, da führt kein Weg dran vorbei. Bin nichtmal 25 und zahle mehr als die Hälfte meines Bruttos an den Staat.
    • zeit.de/2019/16/assistierter-s…ankheiten/komplettansicht

      Fulltext

      Assistierter Suizid:Warum ich geholfen habe

      Richard S. leidet an einer unheilbaren Krankheit. Der Arzt Michael de Ridder begleitet ihn beim Sterben. Protokoll eines assistierten Suizids
      Von Michael de Ridder
      10. April 2019DIE ZEIT Nr. 16/2019, 11. April 2019
      AUS DERZEIT NR. 16/2019


      15.2.2015
      Meine erste Begegnung mit Richard S. findet in einem Berliner Restaurant statt. Vermittelt hatte sie sein Urologe, der sich selbst außerstande sah, mit seinem Patienten über ein selbstbestimmtes Sterben zu sprechen. Chauffiert von seiner nichts ahnenden Pflegerin, ist S. mit dem Auto aus Bielefeld angereist. Seine ersten Worte drücken Erleichterung über das Treffen aus: "Kaum einer Ihrer Kollegen lässt es zu, trotz meiner unheilbaren und zermürbenden Erkrankung auch nur die Möglichkeit ins Auge zu fassen, meinem Leben selbst ein Ende zu setzen."
      Skizzenhaft berichtet S. mir sein Leben und Leiden: 72 Jahre alt ist er, seit sechs Jahren im Ruhestand, davor 41 Jahre im Schuldienst; ein begeisterter Pädagoge, Fächer: Biologie, Chemie und Physik. Mit 36 heiratet er eine Referendarin seiner Schule, eine über Jahrzehnte erfüllende Verbindung.
      Im Jahr 1996 erste schleichende Anzeichen seiner Erkrankung: Beim Spazierengehen mit seiner Frau kann er nicht mehr mithalten, er verliert Gefühl und Kraft in Beinen und Füßen, schmerzhafte Krämpfe plagen ihn. Es folgen Jahre der Untersuchungen durch Spezialisten und mehrfache Klinikaufenthalte. Doch die Ärzte finden keine Ursache, sie beschränken ihre Therapie auf Schmerzmittel und Physiotherapie. Nur eines steht fest: Die Lähmungen schreiten voran. Als wir uns treffen, kommt er mit dem Rollator, doch immer häufiger brauche er einen Rollstuhl, sagt er.
      Als vor drei Jahren seine Frau an einem tückischen Lymphdrüsenkrebs starb, verlor er die wichtigste Stütze in seiner Krankheit. "Stets war ich ein Kämpfer", sagt er, "das Glas war immer halb voll. Noch ist es nicht leer, aber würden Sie mir helfen, wenn es zur Neige geht? Ich will mir nicht selbst Gewalt antun, ich will keinen Strick."
      18.2.2015
      Drei Tage später, das Gespräch geht mir nicht aus dem Kopf. Die Hilfe eines Arztes zum Suizid kann der äußerste Akt der Leidenslinderung sein: Davon war ich immer überzeugt. Dennoch frage ich mich, ob Richard S. sein Leben tatsächlich nur noch als Qual empfindet. 40 Jahre arbeite ich schon als Arzt, habe ein Hospiz gegründet und geleitet, und einige Male hatten mich Patienten gefragt, ob ich ihnen beim Sterben helfen könne. Doch der Wunsch nach "der Spritze" hatte sich fast immer aufgelöst, wenn man ihnen Zuwendung schenkte und ihre Symptome unter Kontrolle brachte.
      S. ist weder zu Tode erkrankt, noch ist sein Sterben absehbar. Ebenso offensichtlich ist jedoch, dass er leidet und seine Qualen schubweise schlimmer werden. "Krakenartig", sagt S., erfasse die Krankheit seinen Körper, seine Seele, seine gesamte Persönlichkeit. S. leidet existenziell.
      3.3.2015
      Ein weiteres Treffen, diesmal bin ich nach Bielefeld gefahren. Ich will das Gespräch führen, denn auch für eine mögliche Suizidassistenz gibt es so etwas wie eine Indikation – die muss ich prüfen. Ich erläutere S. die Möglichkeiten der Palliativmedizin, erzähle von meinen Erfahrungen im Hospiz: hoch dosierte Schmerzmittel, gute Pflege und menschliche Wärme, alles eingebettet in die Wahrung des Respekts vor seiner Autonomie.
      S. hört zu, nickt, will mich nicht verprellen. "Ich habe mich, Herr Doktor, eingehend informiert. Ja, der Weg, den Sie beschreiben, ist für die meisten ein guter Weg, aber es ist nicht mein Weg. Ich möchte meine Krankheit nicht bis zur totalen Hilflosigkeit durchleiden, wie ein auf dem Rücken liegender Käfer. Das verletzt mein Schamgefühl, meine Würde." Richard S. scheint seinen Sterbewillen wohlerwogen und sich nachhaltig hinterfragt zu haben. Ich versichere ihm, an seiner Seite zu bleiben.
      22.4.2015
      Ich denke in diesen Tagen viel über die Sterbehilfe nach. Sie war in der Ärzteschaft schon immer umstritten, dennoch gab es einen Spielraum. Der damalige Präsident der Bundesärztekammer, Jörg-Dietrich Hoppe, formulierte ihn einmal so: "Die Beihilfe zum Suizid gehört nicht zu den ärztlichen Aufgaben; sie soll aber möglich sein, wenn der Arzt das mit seinem Gewissen vereinbaren kann." Für mich war das eine weise Position.
      Das Recht auf ein selbstverantwortetes Sterben
      Dann aber beschloss der Deutsche Ärztetag 2011 ein definitives Verbot der ärztlichen Suizidbeihilfe. Wer dagegen verstößt, muss vielerorts (nicht alle Landesärztekammern setzen das neue Berufsrecht um) mit Geldstrafen oder sogar mit einem Approbationsentzug rechnen. Doch lässt sich das ärztliche Gewissen in dieser zentralen Frage tatsächlich reglementieren? Ich finde nicht. Es gibt nicht nur ein Recht auf Leben, sondern auch ein Recht auf ein selbstverantwortetes Sterben. Sein Sterben zu gestalten – soweit dies möglich ist –, gehört für mich allein in den Intimraum des Verhältnisses von Patient und Arzt.
      Die Bevölkerung sieht es ähnlich. Immer wieder haben Umfragen in den vergangenen Jahren eine deutliche Mehrheit für die ärztliche Suizidbeihilfe ergeben. Die meisten Menschen wünschen sich, dass Ärzte ihnen in ausweglosen Situationen beim Sterben helfen dürfen.
      Die Contra-Positionen haben mich nie überzeugt. Eine "Entsorgung" der sozial Schwachen und Alten per Sterbehilfe sei sie – die Erfahrungen im amerikanischen Bundesstaat Oregon, wo die ärztliche Suizidhilfe seit Langem erlaubt ist, sprechen dagegen. Sie führe zu einem "Vertrauensschwund" in die Ärzteschaft: Das aber ist doch gerade dann der Fall, wenn über dem Thema ein Tabu liegt und ergebnisoffene Gespräche über ein selbstbestimmtes Sterben zwischen Patient und Arzt nicht mehr möglich sind. Gerade der Austausch mit dem Patienten über das Thema ermöglicht uns Ärzten, Suizide von Patienten zu verhindern.
      Der amerikanische Rechtsphilosoph Ronald Dworkin hat es für mich auf den Punkt gebracht: "Jemandem eine Weise des Sterbens aufzuzwingen, die anderen zusagt, die er selbst aber als grausamen Widerspruch zu seinem Leben empfindet, ist – grundsätzlich – eine finstere, krude Form der Machtausübung."
      16.5.2015
      Erneut besuche ich S. in Bielefeld. Seine Wohnung im zweiten Stock – ein begehbarer Bücherschrank, zahllose Erinnerungen an die gemeinsame Zeit mit seiner Frau: Um keinen Preis würde er diese seine "Höhle" gegen ein Heim oder Hospiz tauschen. Jedes nur denkbare Hilfsmittel ist vorhanden, vom Toilettenstuhl bis zum Greifarm. Seine kroatische Pflegerin ist zusätzlich Gesellschaftsdame und Reinigungskraft. Ein Fahrdienst ermöglicht Arztbesuche, Einkäufe und Theaterbesuche. Seine Unabhängigkeit geht S. über alles; er will am Leben teilhaben, koste es, was es wolle.
      S. besteht darauf, eigenhändig und ohne meine Hilfe ein kleines Abendessen für uns zuzubereiten; in seinem Rollstuhl sitzend, zieht er sich mühsam durch die Küche, klirrend geht eine Schüssel zu Boden. "Tomaten schneiden? Immer häufiger fällt mir das Messer aus der Hand; ich scheitere mehr und mehr an den einfachsten Verrichtungen", erzählt er. Will er mich unter Druck setzen, indem er mir sein Leiden vorführt?
      Während des Abendessens spüre ich mein inneres Zögern. Unzählige Male habe ich mich als Arzt gefragt, ob ich die richtige Entscheidung getroffen habe. Der Zweifel gehört zum Beruf dazu, wie am Ende die Entscheidung: für eine Diagnose, für eine Therapie, fürs Handeln oder Unterlassen.
      Ich frage S.: Könnten Sie sich vorstellen, statt tödliche Medikamente zu nehmen freiwillig auf Nahrung und Flüssigkeit zu verzichten und so zu sterben? Das sogenannte Sterbefasten gilt als "weicher" Suizid, weil es auf Unterlassen beruht und nicht auf aktivem Tun. Diese Form des selbstgewählten Sterbens findet unter vielen Ärzten weitgehende Akzeptanz – auch weil es sie selbst entlastet.
      S. sagt, er habe einen solchen Versuch bereits unternommen. Zwei Tage ohne Flüssigkeit, vier Tage ohne Speisen hielt er durch; seine Pflegerin wollte schon den Rettungsdienst rufen, dann gab er auf. Auch den Vorschlag, ihn beim Sterbefasten palliativ zu begleiten, um die Symptome des Durstens und Fastens zu dämpfen, wischte er beiseite: "Wenn – dann will ich einen Schnitt."
      20.5.2015
      Zurück in Berlin, vertiefe ich mich noch einmal in seine Arztbriefe: "Paraplegisches Syndrom", "erbliche sensomotorische Neuropathie unklarer Ursache", "Verdacht auf Amyloidose". Nichts weiter als Vermutungen und Verdachtsdiagnosen. Die Ursache seines Leidens bleibt im Ungefähren. Ich unternehme einen letzten Versuch, um diagnostische Klarheit zu gewinnen und ihm möglicherweise doch noch helfen zu können: Ich mache eine neurologische Spezialabteilung einer Uni-Klinik ausfindig und schlage ihm am Telefon vor, sich noch einmal gründlich untersuchen zu lassen. Er zögert ein paar Tage, versteht jedoch mein Ansinnen und willigt ein.
      "Der Freitod ist der einzige Weg, der mir bleibt"
      Mein Eindruck hat sich gefestigt: Richard S. ist eine starke, klarsichtige Persönlichkeit. Er gibt nicht schnell auf, doch er hat seine Grenzen definiert. Welcher Politiker, welcher Arzt will ihm diese Grenze absprechen? Ist das nicht scheinheilig? Nicht wenige meiner Kollegen haben sich zu Hause "für alle Fälle" ein kleines Depot mit zum Suizid geeigneten Mitteln angelegt. Auch ich.
      8.6.2015
      Meine Gedanken sind oft bei S. Wir telefonieren mehrmals wöchentlich. Stundenlang sitzt er reglos im Sessel, döst oder starrt vor sich hin. Seinen Greifarm kann er nicht mehr benutzen, bei dem Versuch, ein Buch aus dem Regal zu ziehen, hat er sich eine Platzwunde zugefügt. Immer deutlicher wird: Die letzte Lebensfreude zerrinnt.
      11.8.2015
      Anruf von S: plötzlicher, starker Bauchschmerz, er kann kaum sprechen; seine Pflegerin ist nicht erreichbar; ich alarmiere von Berlin aus den Rettungsdienst. S. wird in eine Klinik eingewiesen, notfallmäßig operiert: Durchbruch eines Dickdarmdivertikels. Zusätzlich zu den fortschreitenden Lähmungen seines Körpers hat er jetzt eine weitere Krankheit.
      20.8.2015
      Mehrfache Nachoperationen. S. liegt auf der Intensivstation: massive Bauchfellentzündung, hohes Fieber, vier Schläuche in der Bauchdecke; dann Nierenversagen; eine Woche Dialyse. Ich spreche ihm am Telefon Mut zu, er wirkt verzweifelt: "Wäre ich doch nur in der Narkose auf dem Tisch geblieben!" Den Klinikärzten gegenüber äußert er kein Wort über seine Suizidgedanken: "Die würden mir gleich einen Psychiater schicken; aber glauben Sie mir, ich halte das durch hier. Ich muss Sie unbedingt bald wiedersehen." Ich sage zu. Der anschließende Aufenthalt in der von mir empfohlenen Spezialklinik endet enttäuschend: keine neuen Erkenntnisse.
      21.10.2015
      Ich halte das Versprechen ein und besuche S. erneut. Einen Blasenkatheter trägt er schon seit Jahren, nun ist auch der Stuhlgang nicht mehr zu halten: "Es ist erniedrigend."
      Bisher hat er sich aus "Trainingsgründen" und "Ehrgeiz", wie er sagt, zweimal täglich am Geländer der Treppen hoch- und runtergehangelt. Vor drei Tagen brach er auf der Treppe zusammen, Nachbarn mussten ihm aufhelfen und ihn in seine Wohnung tragen. Er sei zu einer Zumutung geworden, besonders für sich selbst: "Meine Kraft ist dahin, physisch und mental, verstehen Sie das?" Als ich ihn verlasse, kann er kaum noch reden, nur noch schlafen will er.
      1.11.2015
      Wir sitzen an seinem Küchentisch, ich habe Carpaccio mitgebracht. S. isst kaum etwas, stattdessen drängt er sachte. Gemeinsam leuchten wir erneut alle Möglichkeiten diesseits eines Suizids aus. Doch es findet sich nichts, was ihn seinen Wunsch überdenken lässt.
      Ich muss mich in den Patienten hineinversetzen und zugleich Distanz wahren. S. erfährt Zuwendung, hat Freunde, er wird versorgt und gepflegt. Das weiß er zu würdigen. Aber nicht ertragen könne er, "als ein beklagenswertes Bündel Mensch" sich in völliger Hilflosigkeit der Sorge anderer zu überlassen. "Ich muss mich der Krankheit beugen, aber meine Selbstachtung ist mir heilig. Noch kann ich selbst entscheiden, die Grenze ist in Reichweite. Ich bin fest entschlossen: Der Freitod ist der einzige Weg, der mir bleibt."
      Das ist seine Wahrheit, sein "Wohl" angesichts einer unaufhaltsamen und unbehandelbaren Erkrankung. Muss ich dieser Wahrheit folgen? Natürlich "muss" ich das nicht. Kein Arzt kann zu einer Therapie gezwungen werden, von der er nicht überzeugt ist; keiner zu Suizidhilfe. Ich bin frei in meiner Entscheidung.
      Ich schlage S. vor, er möge sich noch einmal prüfen, um letzte Sicherheit zu gewinnen: Ein Suizid lässt sich nicht rückgängig machen. Zwei Wochen wollen wir noch vergehen lassen. Er akzeptiert.
      Er war des Leidens und nicht des Lebens müde geworden
      16.11.2015

      Auch ich bin während dieser zwei Wochen noch einmal in mich gegangen: Unsere Gespräche haben mich von seinem Entschluss, seinem qualvollen Leben selbst ein Ende zu setzen, überzeugt; ihn in seinem Leiden erlebt zu haben hat meine letzten Zweifel zerstreut.
      Die Medikamente für S. habe ich in einer Apotheke in Berlin gekauft, mein Arztausweis genügte. Sie unterliegen nicht der Betäubungsmittelverschreibungsverordnung. Jetzt liegen die drei Medikamentenschachteln vor uns auf dem Tisch: 60 Tabletten, die im Tiefschlaf das Herz stillstehen lassen, 20 Schlaftabletten, zwei gegen Übelkeit.
      Noch einmal überzeuge ich mich von seinem Willen, sein Leben selbst zu beenden. Sein Entschluss ist unumstößlich. Ich erkläre ihm genau, wie er die Medikamente einnehmen muss, die Reihenfolge und die Dosierung. Er unterschreibt ein Schriftstück, das seinen frei verantwortlich und bei klarem Verstand gefassten Entschluss, durch Suizid aus dem Leben scheiden zu wollen, dokumentiert und jede Intervention im Sterbeprozess untersagt.
      Ich sage ihm, ich möchte bei ihm sein, wenn er seinen Entschluss vollzieht. S. sagt zu, mich zu verständigen. Beim Abschied umarmt er mich.
      28.12.2015
      Die Pflegerin ruft an: Richard S. ist tot. Gestern Morgen hat sie ihn leblos im Bett gefunden. Er hat es geschafft, ich bin erleichtert. Und doch versetzt es mir einen Stich, dass ich, als er sich das Leben nahm, nicht an seiner Seite war; er hat mich nicht informiert, er wollte mich nicht dabeihaben. Vielleicht aus Stolz, vielleicht aus Angst, ich könnte sein Vorhaben doch noch vereiteln? Vielleicht um mich zu schützen, obwohl ich mich nicht strafbar gemacht hätte.
      16.1.2016
      Fast ein Jahr habe ich Richard S. in den Tod begleitet. Parallel debattierten Politik und Gesellschaft darüber, die ärztliche Sterbehilfe neu zu regeln. Was Richard S.’ Sterbewillen betraf, ließ mich die Diskussion vollkommen unbeeindruckt. Als Arzt und Bürger bin ich empört. Der Druck der Bundesärztekammer, der Kirchen und "Lebensschützer" hat seine Wirkung nicht verfehlt: Unter den vier im Bundestag verhandelten, sehr gegensätzlichen Gesetzentwürfen hat sich der konservativste Vorschlag durchgesetzt. Der neue Paragraf 217 im Strafgesetzbuch untersagt fast jede Art der Suizidbeihilfe. Von Strafe ausgenommen bleiben nur Angehörige oder wer "nicht geschäftsmäßig handelt". Damit schwebt künftig ein Damoklesschwert über jedem Arzt, der erwägt, einem Patienten Suizidhilfe zu leisten; denn was exakt unter "Geschäftsmäßigkeit" und unter "Förderung" des Suizidwillens zu verstehen ist, bleibt offen.
      Die Reichweite des Gesetzes ist enorm, sie betrifft nicht nur Ärzte: Ein Taxifahrer beispielsweise, der regelmäßig Sterbewillige zu einem Suizidhilfeverein in die Schweiz fährt, fällt zweifellos unter das neue Gesetz und macht sich strafbar. Möglicherweise auch ein Hospiz, das einen aussichtslos Kranken mit dem vorsätzlich gefassten Entschluss aufnimmt, sein Leben gezielt durch Sterbefasten zu beenden.
      26.7.2016
      Monate sind vergangen mit Diskussionen unter Kollegen, Freunden, Schriftstellern und Juristen über das neue Gesetz. Das Unverständnis und die Empörung über die Einschränkung der Grundrechte von (Schwerst-)Kranken ebenso wie von Ärzten sind groß. Es sind nun einmal die Ärzte, die einem aussichtslos Kranken und zum Sterben entschlossenen Menschen – wie meinem Patienten Richard S. – mit einigermaßen menschenwürdigen Methoden helfen können. Ihnen diese Hilfen zu verbieten ist in meinen Augen unethisch.
      Richard S. war – da bin ich mir sicher – in seinem frei verantwortlich gewählten Sterben ganz bei sich. Sein Leiden war übermächtig geworden; er war des Leidens und nicht des Lebens müde geworden. Nach bestem Wissen und Gewissen habe ich ihm zur Seite gestanden. Und mein Gewissen wird mich auch künftig leiten. Ich habe deswegen heute über meinen Anwalt, den Medizinrechtler Wolfgang Putz, Beschwerde beim Bundesverfassungsgericht eingereicht mit dem Ziel, dass Paragraf 217 des Strafgesetzbuches für nichtig erklärt wird.
      9.4.2019 Nachtrag
      Anfang nächster Woche werde ich von den Verfassungsrichtern neben mehreren anderen Klägern gegen Paragraf 217 in Karlsruhe in einer mündlichen Verhandlung angehört. Meine Position ist klar: Suizidbeihilfe und Palliativmedizin schließen einander nicht aus. Vielmehr bezeichnen sie die beiden Pole eines einheitlichen Spektrums ärztlicher Hilfeleistung. Es gibt nach meiner Auffassung Leidenskonstellationen – mögen sie auch selten sein –, in denen Suizidbeihilfe nicht nur gerechtfertigt, sondern geboten sein kann.
    • Was ist Hasskriminalität?

      Unter Hasskriminalität werden politisch motivierte Straf- und Gewalttaten verstanden, die sich gegen Menschen richten, weil diese einer bestimmten Gruppe angehören - etwa durch ihre Religion, Hautfarbe, Nationalität oder sexuelle Identität. Seit 2008 werden diese Zahlen ausgewertet.
      Im Artikel dann die Zahlen von '17 & '18 :cursing:
      Das bei der Definition quasi alle Straftaten politisch rechts zuzuordnen sind ist irgendwie auch wenig überraschend.
      Der Artikel ist n gutes Beispiel für richtigen Kackjournalismus - Brief abschreiben, nicht aufarbeiten und jetzt sind mehr Fragen offen als beantwortet wurden.

      In seiner Antwort auf den Brief des Grünen-Landesvorsitzenden weist Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl (CDU) darauf hin, dass die Zahl der Fälle politisch motivierter Kriminalität insgesamt abgenommen habe, bei Gewalttaten sogar um die Hälfte. Die stark gestiegene Hasskriminalität wird seit kurzem als eigene Kategorie der politisch motivierten Kriminalität erhoben. In den einzelnen Unterthemen gibt es mehrfache Zuordnungen derselben Straftat.
      "seit kurzem"?
      Wie geht eine Halbierung der Gewalttaten mit der Verdoppelung der "Hassverbrechen" zusammen?
      Was sind jetzt eigentlich "Hassverbrechen"?
      Ist die "richtige" Reaktion auf die Artikel jetzt positiv oder negativ? Immerhin sind ja politisch motivierte Gewalttaten halbiert worden "gegenüber dem Jahr zuvor" (also 17?)?
      FREE Hat
    • black_head wrote:

      Was ist Hasskriminalität?

      Unter Hasskriminalität werden politisch motivierte Straf- und Gewalttaten verstanden, die sich gegen Menschen richten, weil diese einer bestimmten Gruppe angehören - etwa durch ihre Religion, Hautfarbe, Nationalität oder sexuelle Identität. Seit 2008 werden diese Zahlen ausgewertet.
      Im Artikel dann die Zahlen von '17 & '18 :cursing: Das bei der Definition quasi alle Straftaten politisch rechts zuzuordnen sind ist irgendwie auch wenig überraschend.
      Der Artikel ist n gutes Beispiel für richtigen Kackjournalismus - Brief abschreiben, nicht aufarbeiten und jetzt sind mehr Fragen offen als beantwortet wurden.

      In seiner Antwort auf den Brief des Grünen-Landesvorsitzenden weist Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl (CDU) darauf hin, dass die Zahl der Fälle politisch motivierter Kriminalität insgesamt abgenommen habe, bei Gewalttaten sogar um die Hälfte. Die stark gestiegene Hasskriminalität wird seit kurzem als eigene Kategorie der politisch motivierten Kriminalität erhoben. In den einzelnen Unterthemen gibt es mehrfache Zuordnungen derselben Straftat.
      "seit kurzem"?Wie geht eine Halbierung der Gewalttaten mit der Verdoppelung der "Hassverbrechen" zusammen?
      Was sind jetzt eigentlich "Hassverbrechen"?
      Ist die "richtige" Reaktion auf die Artikel jetzt positiv oder negativ? Immerhin sind ja politisch motivierte Gewalttaten halbiert worden "gegenüber dem Jahr zuvor" (also 17?)?
      Heftiges Halbwissen daraus, dass ich gestern die oberfränkische PKS ausgewertet habe und ohne den entsprechenden Artikel gelesen zu haben: unter Hasskriminalität fallen auch Dinge wie rassistische Beleidigungen, Sachbeschädigung (zB Judengräber beschmieren etc.) und ähnliches. In Oberfranken gab es letztes Jahr 300+ Hassverbrechen, davon 17 Gewaltdelikte. Also easy möglich, dass die eine Kategorie steigt, während die andere sinkt.
      "Nimm das Messer runter! Als ich ihre Stimme imitierte, war es 1 Jokus."
      - Johannes der Echte

      "Diesen Künstler feier ich extrem! Er spielt ein sehr unkonventionelles Banjo."
      - Fas
    • capital.de/wirtschaft-politik/…welt?article_onepage=true

      Ausblick auf die nächste Finanzkrise. Fands persönlich nen super interessanten read.

      Ausschnitt:

      "2007 waren es Banken und Hauskäufer in den USA, die mit einer wahren Schuldenorgie eine globale Finanzkrise auslösten; 2010 brachten vor allem Banker und Politiker Griechenland, Spanien, Portugal und Irland an den Rand der Pleite. Heute sind es US-Konzerne, die Investoren und Zentralbanker in Angst versetzen.Angestachelt von den Notenbanken, haben sie sich mit Schulden vollgesogen. Denn um nach dem Crash 2008 eine lange Rezession zu verhindern, senkten die Zentralbanker die Zinsen und kauften Staats- und Unternehmensanleihen in unvorstellbarem Ausmaß: Allein Fed und Europäische Zentralbank (EZB) erwarben Anleihen im Wert von 7 Billionen Dollar. Dies drückte für alle Schuldner die Zinsen in den Keller. So geschah das glatte Gegenteil von dem, was sich Staatschefs und Zentralbanker direkt nach dem 2008 geschworen hatten: Nie wieder so viele Schulden. „Die Notenbanken haben die Nebenwirkungen ihrer eigenen Politik bekämpft, indem sie ähnliche Mittel wie früher nutzten“, sagt Stefan Kooths, Konjunkturchef am Kieler Institut für Weltwirtschaft. „Sie warfen einen Bumerang.“
      So wuchs die Zahl sogenannter Zombiefirmen, also Unternehmen, die
      längst insolvent sein müssten, aber dank niedriger Zinsen überleben.
      Definiert sind sie als Unternehmen, bei denen der operative Gewinn über
      die letzten drei Jahre nicht ausreicht, um die Zinslasten zu decken.
      Seit 2008 ist der Anteil dieser Zombies von acht auf zwölf Prozent
      gestiegen, zeigt eine Analyse der BIZ."